Blaue Diamanten gehören zu den seltensten Varianten des natürlichen Farbdiamanten. Fast jeder große Stein dieser Farbe ist namentlich bekannt, mit einer über Jahrhunderte zurückverfolgten Geschichte. Der Grund für diese Seltenheit liegt buchstäblich in den Tiefen der Erde — und dort beginnt die Geschichte.
Warum blaue Diamanten so selten sind
Um die Besonderheit eines blauen Diamanten zu verstehen, beginnt man nicht im Auktionssaal, sondern im Kristallgitter. Die überwältigende Mehrheit aller Diamanten besteht aus reinem Kohlenstoff, und ihre Farblosigkeit ist Ausdruck chemischer Reinheit. Farbe in einem Diamanten deutet fast immer auf eine Verunreinigung hin: Stickstoff erzeugt Gelb- und Brauntöne, Verformungen im Kristallgitter erzeugen Rosa. Bei den meisten natürlichen blauen Diamanten hängt die Farbe mit Spurenmengen von Bor zusammen.
Boratome, die im Kohlenstoffgitter einzelne Kohlenstoffatome ersetzen, absorbieren Licht im roten und infraroten Spektralbereich und lassen die kühlen blauen Wellenlängen zum Auge des Betrachters durch. Die meisten natürlichen blauen Diamanten gehören zum äußerst seltenen Typ IIb. Nach Schätzungen des GIA machen Typ-IIb-Diamanten etwa 0,1 % aller natürlichen Diamanten aus, wobei natürliche blaue Steine nur einen kleinen Teil dieser Gruppe ausmachen — nach Einschätzung der GIA-Forscher nur einen winzigen Bruchteil eines Prozents der weltweiten Fördermenge.
Das Paradoxe daran: Bor selbst ist keineswegs ein exotisches Element. Es kommt in großer Menge nahe der Erdoberfläche vor, in Meerwasser und Sedimentgestein. Das Problem ist, dass dort, wo Diamanten entstehen, praktisch kein Bor vorhanden ist. Genau dieser Widerspruch blieb lange ein geologisches Rätsel: Wie gelangt ein „Oberflächenelement“ in einen Kristall, der in gewaltiger Tiefe wächst?
Die Antwort lieferte eine 2018 in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie unter der Leitung von Evan Smith. Nach der Untersuchung mehrerer Dutzend blauer Diamanten und der darin eingeschlossenen mineralischen Einschlüsse kam das Forschungsteam zu dem Schluss, dass ein erheblicher Teil der untersuchten blauen Diamanten wahrscheinlich weit tiefer entstanden ist als die meisten ihrer Verwandten — mindestens im Bereich der Übergangszone zwischen oberem und unterem Erdmantel (410–660 km), ein Teil davon sogar noch tiefer, im unteren Erdmantel selbst (jenseits von 660 km). Das ist erheblich tiefer als bei den meisten natürlichen Diamanten, die in 150–200 Kilometern Tiefe wachsen. Die verbreitetste Hypothese verknüpft den Transport des Bors mit der Subduktion ozeanischer Kruste: Meerwasser durchtränkt die ozeanische Kruste, diese wandert mit den absinkenden tektonischen Platten in den Erdmantel hinab, und dort, in großer Tiefe und unter enormem Druck, wird das freigesetzte Bor vermutlich Teil des heranwachsenden Kristalls.
Die Ergebnisse stehen im Einklang mit der Annahme, dass ein Teil dieses Materials aus alter ozeanischer Kruste stammen könnte.
Der Stein, der Strom leitet und im Dunkeln leuchtet
Typ IIb besitzt Eigenschaften, die die Gemmologie fast in ein Stück Physik verwandeln. Anders als die meisten übrigen Diamanten leiten borhaltige Steine elektrischen Strom: Das Bor macht den Diamanten zum Halbleiter. Das zählt zu den seltenen Eigenschaften unter Schmucksteinen dieser Kategorie, und Gemmologen nutzen sie als eines von mehreren Untersuchungswerkzeugen. Elektrische Leitfähigkeit allein beweist jedoch keine natürliche Herkunft — sie hilft nur, den Kreis der Möglichkeiten einzuengen. Eine abschließende Aussage über den natürlichen Ursprung der Farbe erfordert eine vollständige Laboranalyse, einschließlich Spektroskopie und Untersuchung der Einschlüsse.

Es gibt noch eine zweite, fast mystische Besonderheit. Setzt man einen natürlichen blauen Diamanten UV-Licht aus und bringt ihn dann in völlige Dunkelheit, antwortet er mit einem roten Leuchten — einer Phosphoreszenz, die mehrere Minuten anhalten kann. Untersuchungen der Smithsonian Institution zeigten, dass genau diese rote Phosphoreszenz-Komponente bei vielen natürlichen blauen Diamanten auftritt und auf einer feinen Wechselwirkung zwischen Bor und Spuren von Stickstoff im Kristallgitter beruht. Von Stein zu Stein unterscheidet sich dieses Leuchten leicht in Intensität und Dauer und wirkt so wie ein individueller Fingerabdruck. Der berühmte Hope-Diamant leuchtet nach Belichtung mehr als eine Minute lang rotorange.

Golkonda, Cullinan, Argyle: Eine Geografie der Seltenheit
Verfolgt man die Herkunft der berühmten blauen Diamanten zurück, führen alle Spuren zu drei Orten auf der Karte.
Der erste und älteste sind die legendären Minen von Golkonda in Indien. Genau genommen war Golkonda eine Festung und ein Handelszentrum in der Nähe des heutigen Hyderabad, während die Diamanten selbst aus alluvialen Ablagerungen entlang des Flusses Krishna gewonnen wurden. Fast zweitausend Jahre lang war Indien die wichtigste — und praktisch die einzig bekannte — Diamantenquelle der Welt, bis in den 1720er-Jahren Vorkommen in Brasilien entdeckt wurden. Aus Golkonda stammen die größten historischen blauen Steine: sowohl der Hope-Diamant als auch der Wittelsbacher Diamant gehen darauf zurück. Die Minen waren bereits Anfang des 19. Jahrhunderts erschöpft, sodass jeder echte Golkonda-Stein eine Geschichte von mindestens zwei Jahrhunderten mit sich trägt; für Sammler gilt diese Herkunft selbst als Qualitätsmerkmal.

Der zweite Ort ist die Cullinan-Mine in Südafrika, die 1902 unter dem Namen Premier eröffnet wurde. Hier wurde 1905 der größte Schmuckdiamant der Geschichte gefunden — der 3.106 Karat schwere Cullinan-Diamant, aus dem später die neun Hauptsteine der britischen Kronjuwelen geschliffen wurden. Für unser Thema ist jedoch etwas anderes wichtiger: Cullinan gilt heute als eine der bedeutendsten Quellen außergewöhnlicher blauer Diamanten. Viele der teuersten blauen Steine, die in den vergangenen zehn Jahren Auktionsrekorde erzielten, stammen genau von hier; die Mine wird seit 2008 von Petra Diamonds betrieben. 2021 wurde dort ein blauer Rohstein von mehr als neununddreißig Karat gefunden — jener Stein, aus dem später der De Beers Cullinan Blue geschliffen wurde.

Der dritte Ort ist die australische Argyle-Mine, vor allem bekannt für ihre rosafarbenen Diamanten, die aber auch äußerst seltene violett-blaue Steine hervorbrachte. Hier ist eine feine gemmologische Unterscheidung wichtig: Bei einem Teil dieser Steine wird ein anderer Farbmechanismus vermutet — verursacht nicht durch Bor, sondern durch wasserstoffbedingte Defekte und Besonderheiten der Kristallstruktur. Argyle war siebenunddreißig Jahre in Betrieb und wurde im November 2020 geschlossen. Mit dieser Schließung versiegte die Quelle dieser besonderen Steine endgültig, was ihre Knappheit auf dem Sekundärmarkt nur noch verschärft hat.
Die Hierarchie des Blaus: Wie man die Farbe liest
Der Wert eines blauen Diamanten bemisst sich vor allem an seiner Farbe — und hier wird die Sprache streng und fachlich. Das GIA bewertet Farbdiamanten nach drei Kriterien: Hue (die vorherrschende Farbe), Tone (Helligkeit bzw. Dunkelheit) und Saturation (Intensität). Die Intensitätsskala steigt in dieser Reihenfolge: Faint, Very Light, Light, Fancy Light, Fancy, Fancy Intense und schließlich Fancy Vivid. Gesondert stehen die Kategorien Fancy Deep und Fancy Dark — und hier lohnt es sich, gleich einen weitverbreiteten Irrtum auszuräumen: Das sind keine Stufen „über“ Vivid, sondern Bezeichnungen für Steine mit dunklerem Ton. Mit anderen Worten: Die Skala beschreibt keine einzige gerade Linie von schwach zu stark, sondern eine Kombination aus Sättigung und Helligkeit. Genau deshalb fällt der tiefe, gedeckte Hope-Diamant in die Kategorie Fancy Dark, während die Auktionsrekordhalter in Fancy Vivid einzuordnen sind: zwei unterschiedliche Farbcharaktere, keine unterschiedlichen Ränge in derselben Reihenfolge.
An der Spitze der Sättigung steht Fancy Vivid Blue: eine Kombination aus hoher Sättigung und einem perfekt ausgewogenen mittleren Ton, bei der der Stein von innen heraus mit reinem, unvermischtem Blau zu leuchten scheint. Unter den ohnehin raren blauen Diamanten erhalten nur wenige diese Bezeichnung; Fancy Vivid gilt als eine der begehrtesten Kategorien am Markt, und genau diese Steine werden meist zu den Protagonisten der Auktionsrekorde.
Fast ebenso wichtig sind die Nebentöne. Ein reines Blau erzielt den höchsten Preis; ein Grauanteil mindert in der Regel den Wert, während ein Hauch von Grün oder Violett einem Stein individuellen Charakter verleihen kann. So wird der Hope-Diamant nach aktueller GIA-Klassifikation als Fancy Dark greyish blue beschrieben — sein würdevolles, gedämpftes Blau ist Teil seines Charakters, kein Makel. Diese Skala zu verstehen, gehört für jeden ernsthaften Sammler zum Handwerk: Zwischen zwei äußerlich ähnlichen Steinen kann der Unterschied zwischen Fancy Intense und Fancy Vivid ein Mehrfaches des Preises bedeuten.
Legenden mit Namen: Steine, die Imperien überlebten
Bedeutende blaue Diamanten bleiben selten namenlos. Die wichtigsten unter ihnen tragen Namen, hinter denen Königshöfe, Revolutionen und Schicksale stehen.
Der Hope-Diamant (45,52 Karat) ist ohne Zweifel der berühmteste Stein dieser Farbe weltweit, heute in der Smithsonian Institution in Washington aufbewahrt. Seine Geschichte beginnt im 17. Jahrhundert, als der französische Kaufmann und Reisende Jean-Baptiste Tavernier in Indien einen großen, grob geschliffenen blauen Diamanten erwarb. 1668 verkaufte Tavernier den Stein an Ludwig XIV.; der Hofjuwelier schliff ihn zu jenem Stein um, der als „Blauer Kronendiamant“ — French Blue — in die Geschichte einging. Im Chaos der Französischen Revolution wurde der Stein 1792 aus der königlichen Schatzkammer gestohlen und verschwand. Jahrzehnte später tauchte ein kleinerer blauer Diamant auf dem Markt auf — der Hope-Diamant selbst. Erstmals urkundlich belegt ist er im September 1812, in einem Inventar des Londoner Juweliers John Francillon; seinen heutigen Namen erhielt der Stein erst später, nach der Bankiersfamilie Hope, in deren Edelsteinkatalog er ab 1839 verzeichnet ist. 1958 schenkte der legendäre Juwelier Harry Winston den Stein der Smithsonian Institution — der berühmten Anekdote zufolge verschickte er ihn dabei per gewöhnlicher Post in einem einfachen Paket.
Der Wittelsbacher Diamant, später umgeschliffen und in Wittelsbach-Graff umbenannt (ursprünglich 35,56 Karat), ist ein weiterer Golkonda-Stein mit königlicher Vergangenheit, der einst zu den österreichischen und bayerischen Kronjuwelen gehörte. Im Dezember 2008 erwarb ihn der Juwelier Laurence Graff bei Christie’s für 16,4 Millionen britische Pfund — damals ein Rekord für einen Diamanten. Was folgte, löste einen Sturm in der Gemmologie-Welt aus: Graff ließ den historischen Stein umschleifen und dabei rund viereinhalb Karat entfernen, sodass sein Gewicht von 35,56 auf 31,06 Karat sank. Manche bezeichneten dies als Vandalismus und verglichen es mit dem Übermalen eines Alten Meisters; Graff selbst entgegnete, Schönheit zu schaffen sei keine Sünde. Nach dem Umschliff klassifizierte das GIA den Stein neu als Fancy Deep Blue mit der Reinheit Internally Flawless — einer der größten natürlichen blauen Diamanten dieser Qualität, die je begutachtet wurden. 2010 trafen der Wittelsbach-Graff und der Hope-Diamant kurz in einer gemeinsamen Ausstellung der Smithsonian Institution wieder zusammen — ein seltenes Wiedersehen zweier Steine, die einst aus denselben indischen Minen stammten.
Der Farnese Blue (6,16 Karat) ist ein birnenförmiger blauer Diamant, der 1714 Elisabeth Farnese, Königin von Spanien, geschenkt wurde. Über mehr als drei Jahrhunderte wanderte er unbemerkt durch vier europäische Königshäuser, der Öffentlichkeit unbekannt, bis er 2018 erstmals bei einer öffentlichen Auktion auftauchte — bei Sotheby’s in Genf, wo er für 6,7 Millionen US-Dollar verkauft wurde.
Das Idol’s Eye (70,21 Karat) ist einer der größten geschliffenen blauen Diamanten der Welt, obwohl seine Farbe tatsächlich hell ist — ein blasses Blau statt eines tiefen, gesättigten Blaus. Der Legende nach wurde er um 1600 gefunden, und seine frühe Geschichte — einschließlich der weitverbreiteten Erzählung über einen persischen Prinzen — gehört eher zur Legende als zur Dokumentation. Verbürgt sind dagegen der Verkauf bei Christie’s im Jahr 1865 und der Besitz durch den Osmanischen Sultan Abdülhamid II. Die Reihe seiner späteren Besitzer liest sich wie ein Abschnitt der Schmuckgeschichte des 20. Jahrhunderts: Sowohl Harry Winston als auch Laurence Graff waren im Besitz des Steins.
Rekorde bei modernen Auktionen
Im vergangenen Jahrzehnt haben blaue Diamanten die Liste der teuersten Auktionslose weltweit angeführt. Das Angebot ist begrenzt, die Nachfrage wächst stetig — und daraus resultieren die Rekorde.
Den Wendepunkt markierte das Jahr 2015. Bei Sotheby’s in Genf wechselte der Blue Moon of Josephine (12,03 Karat, Fancy Vivid Blue, Internally Flawless) für 48,4 Millionen US-Dollar den Besitzer. Dieser aus einem im Jahr zuvor in Cullinan gefundenen Rohstein geschliffene Diamant stellte damals einen Rekord im Preis pro Karat für jeden Diamanten oder Edelstein auf — mehr als vier Millionen Dollar pro Karat. Der Käufer, der Hongkonger Geschäftsmann Joseph Lau, benannte den Stein nach seiner Tochter.
Ein Jahr später, im Mai 2016, wurde ein absoluter Rekord aufgestellt. Der Oppenheimer Blue (14,62 Karat, Fancy Vivid Blue), benannt nach einer Familie mit jahrzehntelanger Geschichte im Diamantenhandel, wurde bei Christie’s in Genf für 57,5 Millionen US-Dollar verkauft. Die Versteigerung dauerte mehr als zwanzig Minuten, und der Endpreis machte den Stein zum teuersten je bei einer Auktion verkauften Schmuckstück überhaupt.
Dieser absolute Rekord hielt nicht lange: Schon im April 2017 wurde er von einem rosafarbenen Diamanten überboten, dem CTF Pink Star (59,60 Karat, Fancy Vivid Pink), der bei Sotheby’s in Hongkong für 71,2 Millionen US-Dollar den Besitzer wechselte. Unter den blauen Diamanten hält der Oppenheimer Blue jedoch bis heute den ersten Platz. Wie treffend das ist, zeigt das Schicksal des De Beers Cullinan Blue (15,10 Karat, Fancy Vivid Blue, Stufenschliff, Internally Flawless): Bei Sotheby’s in Hongkong im April 2022 versteigert — der größte je bei einer Auktion angebotene Diamant dieser höchsten Farbkategorie —, erzielte er 57.471.960 US-Dollar, nur rund siebzigtausend Dollar unter dem Preis des Oppenheimer. Der Rekord für den teuersten blauen Diamanten der Welt blieb bestehen.
Die Liste der Rekordhalter endet damit nicht. 2014 erwarb das Haus Harry Winston bei Christie’s in Genf den Winston Blue (13,22 Karat, Fancy Vivid Blue, Flawless, Birnenschliff) für rund 23,8 Millionen US-Dollar; damals der größte lupenreine Fancy-Vivid-Stein, den das GIA je begutachtet hatte. Im selben Jahr wurde bei einer Auktion in New York ein birnenförmiger blauer Diamant aus der Sammlung der amerikanischen Mäzenin Bunny Mellon versteigert — ein Stein, der später „Zoe“ genannt wurde (9,75 Karat, Fancy Vivid Blue) — für 32,6 Millionen US-Dollar, womit er damals einen Rekord im Preis pro Karat für einen Farbdiamanten aufstellte. Diesem Stein war noch eine Fortsetzung bestimmt: Sein neuer Besitzer ließ ihn auf 9,51 Karat (Internally Flawless) umschleifen, und unter dem Namen Mellon Blue kehrte er im November 2025 zu Christie’s zurück, wo er für 25,5 Millionen US-Dollar verkauft wurde — deutlich unter dem früheren Preis.
Nicht jedes bedeutende Schmuckstück kommt tatsächlich unter den Hammer. Der beeindruckende Golconda Blue (23,24 Karat, Fancy Vivid Blue) mit indischer königlicher Provenienz sollte die Sensation einer Christie’s-Auktion im Mai 2025 werden — Auktionstermin und Schätzpreis von 35 bis 50 Millionen US-Dollar wurden vom Auktionshaus öffentlich bestätigt. Doch der Stein wurde kurz vor der Auktion zurückgezogen; Berichten zufolge wurde er anschließend privat verkauft, wobei die Einzelheiten eines solchen Geschäfts nie offiziell bekannt gegeben wurden. Der jüngste aufsehenerregende Verkauf war der Mediterranean Blue (10,03 Karat, Fancy Vivid Blue): Aus einem 2023 in Cullinan gefundenen Rohstein geschliffen, wurde er im Mai 2025 bei Sotheby’s in Genf für 21,5 Millionen US-Dollar verkauft.
Wichtig zu verstehen: Ein Rekordpreis bei einer Auktion ist weniger ein Marktmaßstab als das Ergebnis eines Wettstreits zweier Bieter um einen bestimmten Stein. Ein blauer Diamant von höchstem Rang ist ein Einzelstück, dessen Preis sich nicht aus einer Tabelle ergibt, sondern aus dem seltenen Zusammentreffen von Gewicht, Farbe und Reinheit.
Wer sie trug, liebte und berühmt machte
Die Geschichte der blauen Diamanten setzt sich zu einem großen Teil aus den Geschichten ihrer Besitzer zusammen.
Das lebendigste dieser Schicksale ist das von Evalyn Walsh McLean, der amerikanischen Erbin, deren Name für immer mit dem Hope-Diamanten verbunden ist. Im Januar 1911 erwarb ihre Familie den Stein von Pierre Cartier für 180.000 US-Dollar; Cartier war es, der den Hope in jene Diamanten-Collier-Fassung brachte, unter der man ihn noch heute kennt, und er war es auch, der beim Verkauf sorgfältig die Legende vom „Fluch“ ausschmückte. Auf McLean wirkte das genau umgekehrt: Aberglaube schreckte sie nicht, und sie trug den Hope überallhin — bei Empfängen, im Garten, am Kartentisch. Berühmt ist die Episode, in der sie den unbezahlbaren Stein an das Halsband ihrer Deutschen Dogge namens Mike legte und dabei sichtlich die Wirkung genoss, die dies erzeugte. Nach ihrem Tod kaufte Harry Winston ihre Schmuckstücke auf, und 1958 fand der Hope seinen Platz in der Smithsonian Institution. Ein Vorbehalt sei angemerkt: Die Geschichte vom „Fluch“ selbst war größtenteils eine Marketingkonstruktion, die den Verkauf befördern sollte; bereits 1911 schrieb die amerikanische Presse, dass der größte Teil dieser düsteren Erzählungen frei erfunden war.
Jahrhunderte vor McLean schmückte derselbe Stein — damals noch der „Französische Blaue“ — die Krone Frankreichs. Nachdem er den Rohdiamanten 1668 von Tavernier gekauft hatte, ließ Ludwig XIV. ihn schleifen und trug ihn zu feierlichen Anlässen. Sein Urenkel Ludwig XV. ließ um 1749 den blauen Diamanten in das zeremonielle Ordensinsigne des Orden vom Goldenen Vlies einfassen — eines der prunkvollsten Schmuckstücke seiner Zeit, in dem das Blau des Steins neben einem großen roten Spinell stand. Im Wirbel der Revolution wurde dieses Schmuckstück gestohlen und zerlegt, und der blaue Stein verschwand, um später unter dem Namen Hope wiederzuerscheinen. Auch Marie-Antoinette wird in der Volksüberlieferung mit dem Stein in Verbindung gebracht, doch hier gilt es, Dokumentiertes von Überliefertem zu trennen: Der königliche Besitz und die Fassung im Orden vom Goldenen Vlies sind belegt, während die meisten „schicksalhaften“ Erzählungen eher der Legende zuzuordnen sind.
Ein weiterer blauer Diamant fand seine letzte Ruhestätte durch die Leidenschaft einer Sammlerin. Marjorie Merriweather Post, zu ihrer Zeit eine der reichsten Frauen Amerikas, schenkte der Smithsonian Institution 1964 das „Blue Heart“ (Blue Heart, rund 30,62 Karat) — einen herzförmig geschliffenen Stein aus der südafrikanischen Premier-Mine, der durch die Hände von Cartier und Harry Winston gegangen war. Der Überlieferung nach zeigte Post ihren Gästen den Stein gern und meinte, der ihre sei schöner als „der andere“ — gemeint war der Hope selbst. (Das Blue Heart wird manchmal auch „Eugénie-Diamant“ genannt, doch eine Verbindung zur französischen Kaiserin ist nicht belegt: Der Stein wurde erst weit nach ihrer Zeit gefunden.)
Auch im Orient fanden blaue Diamanten Liebhaber. Der bereits erwähnte Golconda Blue gehörte den Maharadschas von Indore aus der Dynastie der Holkar: Das Haus Mauboussin schuf für die Familie ein prachtvolles Sautoir, das den blauen Stein mit den berühmten „Indore-Birnen“ verband und von der Maharani Sanyogita Devi getragen wurde, deren Porträt von Bernard Boutet de Monvel als Klassiker des Art déco in die Kunstgeschichte einging. Später gehörte der Stein Harry Winston, danach dem Maharadscha von Baroda.
Näher an unserer Zeit wurden blaue Diamanten für den Hongkonger Sammler Joseph Lau zu einer fast familiären Angelegenheit. Er benannte seine Steine nach seinen Töchtern: 2014 kaufte er „Zoe“, 2015 den Blue Moon, den er in Blue Moon of Josephine zu Ehren seiner Tochter Josephine umbenannte. Am Abend zuvor, bei derselben Auktion im November 2015, hatte er bereits einen rosafarbenen Diamanten namens „Sweet Josephine“ erworben — sodass er an zwei Abenden rund 77 Millionen US-Dollar für zwei Steine für seine Kinder ausgab.
Häuser, die die Sprache des Blaus sprechen
Hinter den großen Steinen stehen große Namen. Die Cullinan-Mine gehörte lange zum Konzern De Beers, bevor sie an Petra Diamonds überging; De Beers bleibt trotzdem ein Schlüsselakteur beim Schicksal der wichtigsten blauen Funde, darunter der gleichnamige Cullinan Blue. Graff, das von Laurence Graff gegründete Haus — der oft als „König der Diamanten“ bezeichnet wird — ist nicht nur mit dem Wittelsbach-Graff verbunden, sondern mit einer ganzen Reihe außergewöhnlicher Farbsteine. Harry Winston, eine Legende der amerikanischen Schmuckkunst, ging sowohl als der Mann in die Geschichte ein, der den Hope-Diamanten der Nation schenkte, als auch als Käufer des Winston Blue. Und das Londoner Haus Moussaieff, bekannt für seine Arbeit mit den seltensten Farbdiamanten, gab einem weiteren berühmten blauen Stein höchster Kategorie seinen Namen. Fassungen für Steine dieses Rangs bleiben meist zurückhaltend gehalten — farblose Nebendiamanten und Platin, um nicht mit der Farbe des Hauptsteins zu konkurrieren.
Fazit
Die Seltenheit des blauen Diamanten ist kein Konstrukt des Marktes — sie ist zu einem großen Teil Folge der Geologie: Borhaltige Typ-IIb-Steine machen nur einen winzigen Bruchteil der weltweiten Förderung aus, und aktuelle Erkenntnisse deuten darauf hin, dass viele von ihnen in weit größerer Tiefe entstanden sein könnten als die meisten anderen Diamanten. Hinzu kommt eine Tiefe anderer Art: die historische. Die meisten großen blauen Steine sind namentlich bekannt, mit einer Provenienz, die sich zurückverfolgen lässt.
Für den Sammler ist die praktische Schlussfolgerung einfach. Jeder ernstzunehmende blaue Diamant verlangt ein GIA-Zertifikat, das den natürlichen Ursprung der Farbe und die Klassifizierung als Typ IIb bestätigt, ein präzises Verständnis von Farbton und Nebentönen sowie eine sorgfältige Prüfung der Provenienz. Ein großer Stein der Kategorie Fancy Vivid kommt bestenfalls einmal pro Generation auf den Markt — und genau das bestimmt seinen Platz in jeder Sammlung.
